Wissenswertes über die Visionsbars

Die Idee zu dieser kleinen Form der Filmpräsentation hatte der Leiter des damaligen Bezirkslichtspielbetriebes (BLB) Halle, Artur Matthaes, Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Ziel war es, Filme getrennt vom Saal und mit gastronomischer Betreuung zeigen zu können, um so die Filmtheater attraktiver zu machen und dem dramatischen Besucherrückgang entgegenzuwirken. Vom Höchstwert mit DDR-weit 316 Millionen Gästen im Jahr 1957 waren die Kinobesucherzahlen auf nur noch 77 Millionen im Jahr 1975 gefallen. Hauptursachen dafür waren der wachsende Lebensstandard mit Lohn- und Rentenerhöhungen, komfortableren Wohnungen, mehr und vielfältigeren Freizeitangeboten und größerer Mobilität, ein breiteres Medienangebot – vor allem das Fernsehen beeinflusste quantitativ und qualitativ den Kinobesuch – und nicht zuletzt die vorsichtige kulturpolitische Öffnung unter Erich Honecker. Dadurch veränderten sich die Erwartungen der Menschen an den Film und seine Abspielstätten erheblich. Mit oft nur notdürftig instand gehaltenen Filmtheatern, deren Sitzkomfort und Serviceangebot arg zu wünschen übrig ließen, und einer Filmauswahl, die von Werken aus sozialistischen Ländern dominiert wurde und zu wenige der von den Gästen bevorzugten Komödien, Musik-, Abenteuer- und Actionfilme bot, konnte man immer weniger Zuschauer ins Kino locken. Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann brachte das Problem 1984 auf den Punkt: „Früher ging man ins Kino, weil es im Kino schöner war als zu Hause […]. Aber jetzt ist es meistens zu Hause schöner, und man sitzt bequemer.“ Er schlussfolgerte: „Wir müssen deshalb am weiteren Komfort des Kinos arbeiten.“

Direkte Vorbilder für seine Visionsbar hatte „Erfinder” Matthaes nicht – weder in Ost- noch in Westeuropa scheint es vergleichbare Einrichtungen gegeben zu haben; zudem war konkretes, anschauliches Wissen über „den Westen” kaum vorhanden und fand das Lichtspielwesen in den übrigen Ostblockstaaten unter völlig anderen Bedingungen statt.

Das größte Problem bei der Projektierung der ehrgeizigen Visionsbar-Idee war die Glasscheibe – für eine durchgehende Scheibe reichten die technischen Möglichkeiten nicht aus, also wurden meist mehrere kleine nebeneinander eingesetzt und durch Verbindungsstreifen gehalten. Außerdem sollte sich das projizierte Filmbild ja nicht in der Glasscheibe spiegeln, also musste auch hier gerechnet und probiert werden.

Die erste Visionsbar der DDR (der Welt?!) wurde in die Lichtspiele Theißen (bei Zeitz im äußersten Südzipfel des Bezirkes Halle) eingebaut und am 22. April 1970 eröffnet. Es folgten „Glasscheiben-Kinos” in Zeitz, Thale, Querfurt, Artern, Kayna, Weißenfels, Sangerhausen, Gräfenhainichen, Köthen, Bitterfeld, Merseburg, Eisleben, Aken, Bernburg und anderen Orten. Im Jahr 1989 hatte nahezu jeder der 23 Kreise im Bezirk Halle mindestens ein Filmtheater mit Visionsbar.